Gemeinsam stark

Gemeinsam stark

Inklusives Tischtennis-Doppel bei den Special Olympics 

Gemeinsam aktiv sein, gemeinsam Siege feiern und auch Niederlagen wegstecken – ABB-Kollege Michael Gresens und sein Spielpartner Stefan Nellessen sind seit den Special Olympics in Düsseldorf 2014 auf der sportlichen Erfolgsspur. In Kiel bei den diesjährigen Sommerspielen für Menschen mit geistiger Behinderung tritt das inklusive Tischtennis-Doppel im Mai bei den sogenannten Unified-Wettbewerben an.

Plick, plack, plick, plack – der kleine weiße Plastikball springt auf die dunkelgrüne Platte, prallt dann vom Schläger zurück. Michael Gresens und Stefan Nellessen stehen nebeneinander, immer abwechselnd müssen die Doppelpartner den Ball annehmen. So sind die Regeln. Die beiden bewegen sich flink, die Schläge sind routiniert und sitzen – der erste Eindruck: Hier ist ein eingespieltes Team am Werk. Dass Nellessen geistig behindert ist, fällt weniger ins Gewicht. Zwar sind seine Bewegungen langsamer, aber er spielt konzentriert. Da streift der Ball das Netz, kommt auf die Tischplatte auf. Nicht erreichbar für Nellesen. „Du Schmutzbuckel“, lacht Stefan Nellessen zu seinem Gegner. Und weiter geht es mit dem nächsten Aufschlag.

Seit ihrer Kindheit spielen die beiden Tischtennis. Über all die Jahre hat sie der Tischtennissport begleitet. Bei ABB in Ratingen feiert Gresens in diesem Jahr sein 20-jähriges Firmenjubiläum. Seit 1998 arbeitet er am Standort Ratingen, heute in der Epoxidharz-Fertigung im Bereich Qualität. Zu seinen Aufgaben zählen unter anderem Materialanalysen, Lieferantenaudits, Mitarbeiterschulungen oder auch Arbeitssicherheitsrundgänge mit Fokus auf Gefahrstoffen.

Als Helfer dabei

Seinen heutigen Doppelpartner Stefan lernte er 2014 in Düsseldorf kennen. Bei den Special-Olympics-Sommerspielen war Gresens als freiwilliger Helfer bei den Tischtennis-Wettbewerben eingesetzt. Fünf Tage nahm er sich wie alle 150 ABB-Helfer frei, um die Athleten mit geistiger Behinderung ehrenamtlich zu unterstützen – als Schiedsrichter bei den Tischtennis-Wettbewerben. Als aktiver Spieler in der Kreisliga brachte er das notwendige Regelwissen mit. „Da es zu wenig Meldungen für das Unified-Turnier gab, fragten die Organisatoren uns Helfer, ob wir mitspielen wollten“, erzählt Gresens. „Das Turnier war als Demo-Wettbewerb zum ersten Mal Teil des Programms und sollte nicht ausfallen.“ Diese Chance ließ sich der ABB-Helfer nicht nehmen. „So habe ich Stefan kennengelernt und wir haben zum ersten Mal zusammen Doppel gespielt“, erinnert sich der 51-Jährige.

  • Sind ein gutes Team: Michael Gresens (l.) und Stefan Nellessen.
  • Lernten sich 2014 bei den Special Olympics in Düsseldorf kennen: Stefan Nellessen (r.) und Michael Gresens.

Anderes Miteinander

Die Spiele in Düsseldorf waren für beide ein Heimspiel: Gresens wohnt im Norden der Stadt, Nellessen in Neuss, also nur einen Sprung über den Rhein entfernt. Und so war es für die beiden einfach in Kontakt zu bleiben und gemeinsam zu trainieren. „Die Begeisterung der Athleten hat mir einen richtigen Schub gegeben“, so Gresens. „Der Umgang ist ein ganz anderer. Man freut sich zum Beispiel auch mal mit dem Gegner. Das gefällt mir gut und deshalb bin ich dabeigeblieben. So etwas erlebt man im normalen Ligabetrieb nicht. Dort wird oft so verbissen gekämpft.“

Die beiden trainieren jeden Donnerstagabend zusammen im Sportraum der Gemeinnützigen Werkstätten Neuss, kurz GWN. Hier arbeitet auch Stefan Nellessen. Außerdem vertritt er die Anliegen seiner Kollegen als Vertrauensperson im Werkstattrat. Tischtennis ist für ihn eine feste Konstante im Alltag. Das GWN-Sportteam ist im regulären Ligabetrieb gemeldet und tritt wöchentlich zu Spielen an.

Zwar ist Tischtennis ein sehr schneller Sport – und der 49-Jährige mit seiner großen Statur wirkt eher behäbig als flink – aber durch sein gutes Stellungsspiel erspart er sich so manchen Laufweg. Eine Besonderheit, weiß sein Trainer und Sportlehrer Thomas Gindra, der sich für Special Olympics Deutschland auch Nationaler Koordinator für Tischtennis engagiert und Mitglied im Präsidium ist. Denn ein Spiel zu lesen und die Aktionen des Gegners vorauszuahnen, sei schwierig für Spieler mit geistiger Behinderung. „Stefan ist hier eine Ausnahme und beweist ein feines Gespür für das Spielgeschehen, spielt taktisch gut. Er ist sehr selbstreflektiert.“ Ein Beispiel: Ist der Gegner zum Beispiel weit weg vom Tisch, erkennt Nellessen das und spielt einen kurzen Ball – und hat dafür eine einfache Erklärung: „Ich denke eben mit im Kopf“, schmunzelt er.

"Ein Spiel zu lesen und die Aktionen des Gegners vorauszuahnen, ist schwierig für Spieler mit geistiger Behinderung", erklärt Trainer Thomas Gindra (l.), hier mit seinen "Schützlingen" Michael Gresens (Mitte) und Stefan Nellessen.

Gleicher Anteil am Spielgeschehen

Gemeinsam als inklusives Doppel zu spielen, ist nicht immer einfach. Beim Unified-Tischtennis haben beide Doppelpartner – einer mit, einer ohne Behinderung – den exakt gleichen Anteil am Spielgeschehen, denn es muss abwechselnd geschlagen werden. Das sind die Regeln. „Manchmal ist das von der Koordination her schwierig. Es ist einfach Übungssache, dass wir uns nicht umrennen“, erklärt Michael Gresens. „Tischtennis ist eine der schnellsten Sportarten der Welt, da geht es um Tausendstel-Sekunden. Wenn man nicht reagiert, ist der Ball weg und man hat keine Chance.“

Umso wichtiger ist es, dass die zwei Doppelpartner sich abstimmen und harmonieren. „Ich muss gucken, was Stefan gut kann und was nicht so gut. Dementsprechend muss ich meine Schläge vorbereiten, damit er den nächsten Ball noch kriegt“, so ABB-Kollege. „Es bringt nichts, wenn ich einen super Ball spiele und der Ball kommt zurück, ist superschnell und Stefan hat überhaupt keine Chance, ihn zu kriegen. So gewinnt man auch nicht. Man gewinnt nur, wenn man Miteinander spielt.“

„Wir passen gut zusammen. Menschlich wie sportlich“, bestätigt der GWN-Spieler. „Michael ist nett, er sagt mir nicht, was ich falsch mache, sondern gibt mir gute Tipps, wie ich es besser machen kann. So stelle ich mir auch einen Partner vor.“ Das freut natürlich seinen Unified-Partner und Gresens fügt hinzu: „Stefans Art und Weise kommt mir sehr entgegen. Man sieht schon im Training, wie er immer besser wird. Die Ergebnisse bei Meisterschaftsspielen werden immer knapper werden. Ich freue mich, dass ich einen Teil zu dieser Entwicklung beitragen kann.“

Was in bei den nationalen Spielen in Düsseldorf begann, wurde bei den letzten Sommerspielen 2016 sogar mit einer Goldmedaille gekrönt. Und auch bei den nordrhein-westfälischen Landesspielen im vergangenen Jahr standen die beiden gemeinsam ganz oben auf dem Treppchen. Fest steht, auch in im Mai in Kiel werden die Beiden ihr Bestes geben. „Wenn man antritt, dann will man auch gewinnen. Wenn einer besser ist, dann musst du das so hinnehmen. Aber das Ziel ist zu gewinnen, sonst hast du keinen Ehrgeiz“, sieht es Stefan Nellessen ganz pragmatisch.

Info: Was heißt eigentlich „Unified“?

Ob in Mannschafts- oder Individualsportarten – Special Olympics bietet in verschiedenen Sportarten die Möglichkeit, dass Menschen mit und ohne geistige Behinderung gemeinsam Sport treiben. Die Regeln und Richtlinien bezüglich Alters- und Leistungseinteilung garantieren, dass alle Sportler eine wichtige, sinnvolle und geschätzte Rolle in ihrer Mannschaft spielen können. Special Olympics bietet ein breites Spektrum an Unified-Sportarten, von Teamsportarten wie Fußball oder Basketball über Rückschlagspiele wie Tennis oder Tischtennis bis hin zu Einzelsportarten wie Leichtathletik oder Schwimmen. Bei den Special Olympics in Hannover 2016 hat erstmals ein gemeinsames Fußballteam bestehend aus Spielern von ABB und der Lebenshilfe Mannheim am Unified-Fußballturnier teilgenommen und Bronze gewonnen. Auch bei den diesjährigen Spielen in Kiel wird das Team wieder dabei sein.

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