Unternehmen als Hüter der Welt für künftige Generationen

Die Klimakrise zwingt Unternehmen zum Umdenken. Neben dem Gewinn müssen sie zunehmend auch die Umweltkosten ihrer Geschäftstätigkeit berücksichtigen. ABB gehört zu den Unternehmen, die dank ihres langjährigen Engagements für Nachhaltigkeit von dieser Entwicklung profitieren.

Peter Voser, dieses Jahr findet das 50. jährliche Treffen des Weltwirtschaftsforums in Davos statt. Was erwarten Sie als Vertreter des grössten Industrieunternehmens der Schweiz von dieser Veranstaltung?

An erster Stelle steht die Erwartung, dass dieses Treffen der wichtigsten Vertreter aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft zu einer stärkeren Zusammenarbeit führen wird. In den letzten Jahren wurden bewährte Paradigmen und erfolgreich etablierte Strukturen in Frage gestellt, worüber wir uns alle Gedanken machen sollten. Die Diskussionen konzentrieren sich wieder mehr auf Zölle und unilaterales Handeln als auf globale Zusammenarbeit. Und das, obwohl wir mit dem Klimawandel konfrontiert sind: Ein Problem, das wir nur gemeinsam auf globaler Ebene lösen können.

Sind Unternehmen nicht per Definition vor allem Konkurrenten?

Auch Wettbewerber können gemeinsam übergreifende Ziele verfolgen. Einerseits verkürzt der digitale Wandel die Innovationszyklen dramatisch, so dass Partnerschaften agiler und flexibler als bisher gestaltet werden müssen. Zum anderen sieht das 1973 verfasste «Davos Manifesto» die Unternehmen in der Pflicht, als «Treuhänder des materiellen Universums für künftige Generationen» zu agieren. Wenn wir versuchen, in diesem Jahr neue Ziele und Werte für Unternehmen und Regierungen zu definieren, müssen wir uns auch mit der Frage befassen, wie ein globaler Konsens über den Einsatz neuer Technologien erreicht und ein ausschliesslich von Wettbewerbsfaktoren getriebener Technologiekrieg verhindert werden kann.

Das Thema des diesjährigen WEF ist «Stakeholders for a Cohesive and Sustainable World». Ist das nur ein Appell an die Politik oder können grosse Unternehmen wie ABB auch aus eigener Kraft zu einer nachhaltigeren Welt beitragen?

Ganz bestimmt. Wenn ein Unternehmen wie ABB zwischen der Unterzeichnung des Pariser Abkommens und 2030 23 Milliarden Dollar in die Entwicklung neuer Technologien investiert, spielt es eine wesentliche Rolle bei der Gestaltung der Welt von morgen. In Davos werden wir zum Beispiel gemeinsam mit Ericsson das Potenzial der 5G-Technologie demonstrieren, die den nächsten entscheidenden Schritt in der digitalen Transformation industrieller Prozesse darstellt. Diese Technologie könnte eine globale Revolution auslösen und unzählige nachhaltige Innovationsmodelle in skalierbare Lösungen verwandeln.

Sind Unternehmen wirklich die richtigen Akteure für Veränderungen auf der gesellschaftspolitischen Bühne – sollten sie nicht in erster Linie den Aktionären verpflichtet sein?

Ich sehe das nicht als Widerspruch. Die Übernahme von Verantwortung für die Umwelt und künftige Generationen ist seit der Gründung von ABB ein moralischer Imperativ und eine wichtige Grundlage für das Business. Vor mehr als einem Jahrhundert haben wir mit der Elektrifizierung der ersten Bahnlinien neue, nachhaltige Transportmöglichkeiten erschlossen. Heute sehen wir es als unsere Aufgabe an, die Digitalisierung, den Energiewandel und die digitale Transformation sozial und ökologisch verantwortungsvoll zu gestalten. Nahezu 60 Prozent unseres weltweiten Umsatzes erzielen wir mit Lösungen, die die Umwelt schützen und der globalen Erwärmung entgegenwirken. Diesen Anteil wollen wir im Jahr 2020 noch weiter steigern.

Müssen wir nicht auf weiteren Fortschritt oder sogar auf gewohnte Annehmlichkeiten verzichten, um den Planeten zu retten?

Ich bin überzeugt, dass sich das Gegenteil bewahrheiten wird. Wir wissen heute, dass die Modernisierung veralteter Infrastruktur, sei es in der Industrie, im Verkehr oder im Bauwesen, uns die wirtschaftlichste und praktikabelste Möglichkeit bietet, den Energieverbrauch zu senken und den Komfort zu erhöhen. In der norwegischen Stadt Trondheim beispielsweise arbeiten wir gemeinsam mit unseren Kunden daran, den öffentlichen Nahverkehr völlig CO2-frei zu gestalten. Damit leisten wir einen Beitrag zu den Klimazielen und zur Verbesserung der Lebensqualität. Und wie die Besucher des diesjährigen WEF-Treffens sehen werden, haben wir in Davos und Umgebung dasselbe getan: Wir haben Züge, Busse und Bergbahnen elektrifiziert und acht Schnellladestationen für Elektrofahrzeuge installiert und damit die Grundlage für einen umweltverträglichen, sicheren, komfortablen und erschwinglichen Personen- und Güterverkehr geschaffen.

Geschieht diese Entwicklung schnell genug? Viele Klimaforscher warnen, dass wir nur noch wenige Jahre haben, um den Trend der globalen Erwärmung stoppen.

Wenn wir den CO2-Ausstoss bis 2030 um 40 Prozent reduzieren wollen, haben wir weniger als 4’000 Tage Zeit. Also ja, in gewisser Hinsicht befinden wir uns in einem Wettlauf gegen die Zeit und müssen jeden einzelnen Tag optimal nutzen. Die technologischen Voraussetzungen für einen nachhaltigen Energiewandel haben wir bereits geschaffen. Aber die zum Teil sehr hohen Anlaufkosten und die starren regulatorischen Rahmenbedingungen wirken sich nach wie vor hinderlich auf die Innovationsbereitschaft aus. Die Politik muss also Bedingungen schaffen, welche die Aufwendungen für die schnellstmögliche Umsetzung dieser Innovationen fördern.

Wo sollten diese Bemühungen Ihrer Meinung nach beginnen?

Erstens: Die gesamte Automobilindustrie steht vor einer wichtigen Entscheidung über ihre zukünftige Ausrichtung. Wenn sie sich dafür entscheidet, verstärkt in die E-Mobilität zu investieren, wird dies den Übergang zu einem nachhaltigen Verkehr dramatisch beschleunigen. Ausserdem werden nachhaltige Lieferketten für Batterien die Emissionen im Transport- und Energiesektor drastisch reduzieren. Aber auch im industriellen Sektor gibt es ein enormes Potenzial zur Reduzierung der Emissionen: Würde man weltweit alle veralteten Elektromotoren durch neue Modelle ersetzen, würde allein das den globalen Energieverbrauch um zehn Prozent senken - das entspricht der Leistung von rund 300 Kernkraftwerken. Was heute möglich ist, zeigen wir an unserer neuen Produktionsstätte im deutschen Lüdenscheid, wo wir die erste CO2-neutrale Fabrik der Welt eröffnet haben, die zudem nahezu energieautark ist. Ähnliche Energiesparpotenziale haben auch Gebäude: Mit fast 40 Prozent des weltweiten Energieverbrauchs und mehr als einem Drittel aller Treibhausgasemissionen könnten wir unseren Klimazielen durch den Einsatz moderner intelligenter Gebäudelösungen ein gutes Stück näher kommen.

Seit vielen Jahren wird über den Handlungsbedarf gesprochen. Sind Sie immer noch optimistisch?

In den letzten Monaten habe ich mit vielen Regierungsvertretern, Kunden und Investoren aus aller Welt Gespräche geführt. Mein klarer Eindruck ist, dass der Klimawandel und der verantwortungsvolle Umgang mit Ressourcen ganz oben auf der Tagesordnung stehen. Darüber hinaus bewerten Unternehmen ihre Investitionen in Nachhaltigkeit angesichts der steigenden Erwartungen der Öffentlichkeit neu. Heute geht es bei Investitionen nicht mehr nur um Ertragssteigerung oder Kostensenkung. Nachhaltigkeit ist ein Wettbewerbsvorteil an sich. Inzwischen sollte jedem CEO und jedem Kleinunternehmer klar sein, dass nur derjenige, der die Erwartungen an die Nachhaltigkeit erfüllt, in der Lage sein wird, loyale Kunden und motivierte Mitarbeitende der nächsten und zukünftigen Generationen zu gewinnen.

Wird Ihr Unternehmen diesen Erwartungen gerecht?

Wir bemühen uns jedenfalls intensiv darum. So unterstützen wir in der Schweiz seit zehn Jahren die Nutzung von umweltfreundlichen Verkehrsmitteln mit einem Öko-Bonus, und jedes Jahr laufen weitere 500 bis 600 Massnahmen zur Verbesserung der Umwelt. Insgesamt werden wir in diesem Jahr unsere klimabedingten Emissionen gegenüber 2013 um rund 40 Prozent reduziert haben. Das Beste daran ist: Viele dieser Projekte wurden von Mitarbeitenden initiiert, und jeder ist aktiv beteiligt. Das erhöht nicht nur unsere Glaubwürdigkeit bei den Kunden, sondern ist auch einer der vielen Gründe, warum so viele unserer Kollegen und Kolleginnen stolz darauf sind, bei ABB zu arbeiten. Nicht zuletzt haben uns auch deswegen die Absolventen und Absolventinnen der Ingenieurwissenschaften drei Jahre in Folge zur attraktivsten Arbeitgeberin der Schweiz gewählt. Für uns ist das vielleicht der wichtigste Grund, in Zukunft noch mehr Lösungen für eine nachhaltige Welt zu entwickeln.

Über Peter Voser: Peter Voser war von 2002 bis 2004 Chief Financial Officer von ABB und ist seit 2015 Präsident des Verwaltungsrates. Seit April 2019 ist er interimistischer CEO von ABB und Mitglied der Konzernleitung. Im März 2020 wird Björn Rosengren, derzeit CEO des Industriekonzerns Sandvik, seine Nachfolge als CEO antreten.

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