Vom Klassenzimmer an die ABB-Werkbank in Schaffhausen

Vom Klassenzimmer an die ABB-Werkbank in Schaffhausen

Im Rahmen einer Vereinbarung zwischen ABB und der Schaffhauser Wirtschaftsförderung wurde am ABB-Produktionsstandort in der Ostschweiz Anfang dieses Jahres eine besondere Praktikantin willkommen geheissen – eine erfahrene Primarschullehrerin. Trotz oder sogar dank der Unterschiede war das Praktikum ein Erfolg für alle Beteiligten.

Am ABB-Standort in Schaffhausen arbeiten rund 300 Mitarbeitende sowie unzählige Maschinen und Roboter Tag und Nacht. Produziert wird eine breite Palette an Niederspannungsprodukten, von Leitungs- und Fehlerstromschutzschaltern über Lichtschalter bis hin zu Steckdosen. Mittendrin ist Karin Neukomm. Zusammen mit zwei Produktionsmitarbeiterinnen montiert und verpackt sie mehrpolige Leitungsschutzschalter für das Schutzschaltersystem «SMISSLINE» von ABB – stehend, ein Gerät nach dem andern. Die Bewegungen sind fliessend, eingeprägt und perfektioniert durch ständige Repetition. Es hat den Anschein, Karin mache diese Arbeit seit eh und je. Doch die hauptberufliche Lehrerin hat für einen Monat die Wandtafel gegen Arbeitsstation, Flipcharts und Clipboard ausgetauscht.

  • Arbeitsstation statt Wandtafel: Karin Neukomm sammelte erste Erfahrung in der Produktion.
  • Für das Schutzschaltersystem «SMISSLINE» montiert und verpackt sie mehrpolige Leitungsschutzschalter.

Schulterschluss zwischen ABB und Kanton Schaffhausen

Dass Karin Neukomm in einer industriellen Produktionshalle steht, anstatt im Klassenzimmer, fusst auf einer Initiative des Kantons Schaffhausen – und der Unterstützung von ABB. Im Rahmen des Projekts «Lehrpersonen für die Wirtschaft» sollen Lehrpersonen während maximal eines Monats in einem Wirtschaftspraktikum vertiefte Einblicke in die zukünftige Berufswelt der Schülerinnen und Schüler erhalten. Der ABB-Standort in Schaffhausen hat sich dem Projekt angeschlossen und angeboten, interessierten Lehrerinnen und Lehrern solche Einblicke zu ermöglichen. «Nach über 30 Jahren in der Bildung war das Bedürfnis gross, auch mal einen Blick in die Wirtschaftspraxis werfen zu können», sagt Karin Neukomm. Sie bewarb sich bei ABB, und so trafen mit dem Praktikumsstart Mitte Februar 2022 zwei Welten aufeinander.

Erste Erfahrungen im Lean-Team

Wobei gerade in diesen Unterschieden die Würze des Praktikums lag. Karin absolvierte ihr Praktikum im Lean-Production-Team. Dessen Aufgabe ist es, Arbeitsprozesse in der Produktion, Logistik, aber immer häufiger auch in administrativen Aufgaben effizienter und einfacher zu machen. «Wir zielen in unserer Arbeit darauf ab, die Geschwindigkeit in der Produktion zu erhöhen und Verschwendung zu eliminieren – ohne dass Mitarbeitende darunter leiden müssen», sagt Stefanos Giannopoulos, Leiter des Lean-Teams. Das funktioniere in etwa so, dass sein Team circa alle zwei Tage Workshops mit bestimmten Abteilungen durchführt und mit den Teilnehmenden Lösungen erarbeitet. Resultat können beispielsweise optimierte Arbeitsstationen sein, die noch am selben Tag in der eigenen Werkstatt gebaut und am «richtigen» Arbeitsplatz eingeführt werden sollen.

Nach einer Einführung in die Lean- und Workshopmethoden des Teams und die verschiedenen Abteilungen des Standorts konnte Karin Neukomm das Team schon sehr bald tatkräftig unterstützen. Sie befragte die Teilnehmenden der Workshops, legte in der Werkstatt Hand an und half an Stationen der Produktion sowie der Logistik aus. «Ich wurde sofort voll ins Team integriert, ernst genommen und konnte meine Inputs einfliessen lassen, was ich sehr geschätzt habe», berichtet Karin über das Praktikum. Doch der Wechsel vom Schulzimmer in die industrielle Produktion war nicht einfach: «Vor allem der schnelle Takt der Arbeit und die vielen Abkürzungen waren anfangs eine Herausforderung.»

  • Lean-Production-Mitarbeiter Jens Oess zeigte der Primarlehrerin die Handhabung verschiedener Werkzeuge.
  • Beim Bau einer neuen Arbeitsstation legte Karin gleich selbst Hand an.

Win-Win für alle Beteiligten

Die Herausforderungen meisterte Karin Neukomm laut dem Lean-Team aber mit Bravour. «Für Karin war unser Arbeitsumfeld natürlich ziemlich fremd, aber sie war voller Tatendrang und legte eine super Einstellung an den Tag, genau das brauchen wir bei dieser Art von Arbeit», sagt Teamleiter Stefanos Giannopoulos.»

Statt Kopfrechnen, Wanderdiktaten und Sport, standen für Karin teilweise komplett fremde Arbeiten auf dem Tagesprogramm. Doch genau diese Unwissenheit sei für das Lean-Team Gold wert gewesen. «Es war spannend zu sehen, wie Karin an die Arbeit rangeht, welche einfachen und doch elementaren Fragen sie stellte», kommentiert Stefanos die Zusammenarbeit mit Karin. «Sie war im absolut positiven Sinne die «Nervensäge», die man sich für ein solches Team wünscht.»

Für das Lean-Team waren die unvoreingenommenen Fragen von Karin Gold wert.
Für das Lean-Team waren die unvoreingenommenen Fragen von Karin Gold wert.

Betriebsblindheit sei dabei das grosse Stichwort. Denn um genau diese Betriebsblindheit zu minimieren, brauche es Leute wie Karin, die mit den Themen nichts zu tun haben, «Unruhe» bringen und Fragen stellen. «Man könnte fast sagen», meint Stefanos, «Karin habe bei uns die Rolle mit derer ihrer Schülerinnen und Schüler getauscht und uns mit ihrer unvoreingenommenen Art doch das eine oder andere Mal die Augen geöffnet.»

Auch für Karin selber war das Praktikum bei ABB Schaffhausen ein Erfolg: «Das strukturierte Onboarding und das sofortige Miteinbeziehen in die tägliche Arbeit beeindruckte mich.» Vor allem der Gedanke der Lean-Methode, Abläufe ständig zu verbessern, möchte sie zurück in die Schule tragen und dort vermehrt anwenden, doch sie wendet ein: «Stefanos riet mir, zuhause damit vorsichtig zu sein, schliesslich möchte nicht jeder ständig Verbesserungsvorschläge hören!»

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