Ein Portrait von Jef Beerten – der erste Preisträger des ABB-Forschungspreises

Jef Beerten von der Universität Leuven (KU Leuven) und EnergyVille, Belgien, war der erste Träger des ABB-Forschungspreises zu Ehren von Hubertus von Grünberg. Im Sommer 2016 wurde er für seine Doktorarbeit "Modeling and Control of DC Grids" ausgezeichnet, die aus 69 Bewerbungen führender Institutionen aus den verschiedensten Disziplinen ausgewählt wurde.

Der Preis, der zu Ehren des ehemaligen Vorsitzenden des Verwaltungsrates der ABB -- Dr. Hubertus von Grünberg -- verliehen wird, würdigt herausragende wissenschaftliche Leistungen in den Bereichen Energie und Automatisierung und wird von einem der höchsten Forschungsstipendien seiner Art begleitet. 2019 wird es zum zweiten Mal vergeben.

Erfahren Sie hier mehr über Jef, seine Arbeit, seine 9 Sprachen und wie es ihm nach der Preisverleihung erging. Er hat auch einige Ratschläge für Bewerber für den ABB-Forschungspreis 2019.

„Ich liebe es, mich einem Thema zu verschreiben, genau hin zu sehen und die fundamentalen Herausforderungen zu entdecken. Je komplizierter, umso besser. Deshalb sind Hochspannungs-Gleichstrom Übertragung -- kurz HGÜ-Netze -- auch so spannend“, gibt Prof. Dr. Jef Beerten augenzwinkernd zu Protokoll, warum er sich gerade dieses Thema als Forschungsgebiet ausgesucht hat.

Der 33-jährige promovierte Elektroingenieur Jef Beerten ist der erste Preisträger des ABB-Forschungspreises zu Ehren von Hubertus von Grünberg, der alle drei Jahre verliehen wird. Im Oktober 2016 war die feierliche Preisübergabe in Zürich. Mit 300.000 US$ Preisgeld gehört der ABB-Forschungspreis zu den weltweit höchstdotierten Forschungspreisen, die von einem Unternehmen ausgeschrieben werden. Die Ausschreibung für 2019 hat soeben begonnen – Einsendeschluss ist der 31. Januar 2019.

Jef Beerten, 1985 in Belgien geboren und aufgewachsen, studierte an der KU Leuven, wo er 2008 seinen Master in Elektrotechnik mit Bestnoten machte. „Danach hat es mich ins Ausland gezogen“, so Beerten, „zuerst war ich drei Monate als Gastforscher am schwedischen Royal Institute of Technology (KTH) in Stockholm, bevor ich für meine Promotion wieder an die KU Leuven zurückkehrte.“ Sein Doktorvater Professor Dr. Ir. Ronnie Belmans gehörte zur Prüfungskommission, die ihn 2013 mit summa cum laude promovierte auf dem Thema „Modellierung und Steuerung von Gleichstromnetzen“. Auf diesem Gebiet wollte Beerten weiter forschen und ging in 2014 und 2015 ein Jahr als Postdoc an die Norwegian University of Science and Technology (NTNU) in Trondheim. Zurück in Belgien wurde er ein wichtiges Teammitglied, sowohl an der KU Leuven als auch in EnergyVille, einer Forschungskooperation im Thor Science Park in Genk, auf dem Institute, Start-ups und Unternehmen gemeinsam an Energiethemen forschen und entwickeln. „Ich habe mich der Dynamik und Modellierung von Gleichstrom- und Wechselstromnetzen verschrieben“, führt Beerten sein Spezialthema aus, „denn ich bin davon überzeugt, dass die HGÜ Technologie durch den steigenden Energiebedarf weltweit immer mehr an Bedeutung gewinnen wird.“

ABB gehört zu den Wegbereitern der HGÜ Technologie und ist seit über 60 Jahren darin weltweit führend. Da ist es nicht verwunderlich, dass Jef Beerten im Sommer 2015 auf der Internetseite von ABB auf den Forschungspreis aufmerksam wurde. „Als ich die Ausschreibung sah, habe ich meine Chance gesehen, auf meinem Forschungsfeld einen deutlichen Schritt voran zu kommen. Der ABB-Forschungspreis ist eine große Anerkennung für jeden ehrgeizigen Wissenschaftler.“ Er war einer von 69 Bewerbern für den Preis, und überzeugte die international hochkarätig besetzte Jury.

Die Nachricht vom Gewinn erhielt Beerten am Wochenende, an einem Tag mit seiner Familie. Belmans, sein Doktorvater, bekam die Nachricht zeitgleich mit ihm und rief ihn umgehend an, um ihm zu gratulieren. „Ich fragte mehrmals ungläubig nach“, erinnert sich der Preisträger, bis Belmans ihn anwies: „Schau in deine Emails, wenn du es nicht glaubst.“

Danach, erinnert sich Beerten, sei es die anstrengendste Aufgabe gewesen, nichts zu verraten bis zur offiziellen Bekanntgabe. Umso größer sei dann die Freude und der Stolz im Kollegium gewesen, als die Preisübergabe per live-Streaming aus Zürich verfolgt werden konnte. „Es haben sich wirklich alle Kollegen, Freunde und meine ganze Familie für mich gefreut. Da wurde ordentlich gefeiert“, lacht Beerten und erinnert sich gern an den Oktober 2016.

Das Preisgeld investiert Jef Beerten seitdem über drei Jahre verteilt in die optimale Modellierung von HGÜ-Umrichter und ist zuversichtlich, dass die Entwicklung auch danach weitergeht. „Wir pflegen hier in EnergyVille den engen Kontakt zur Industrie und sind im engen Austausch über den Bedarf der zukünftigen Energiewirtschaft. Unser Thema hat in den letzten Jahren stetig an Bedeutung gewonnen. Mit der Einspeisung von erneuerbaren Energien ist es noch schwieriger, ein stabiles Stromnetz zu gewährleisten.“

Seit einem Jahr ist er Professor an der KU Leuven, und es macht ihm sichtlich Spaß. Es sei eine verantwortungsvolle Aufgabe, ein Team von Nachwuchswissenschaftlern zu motivieren, Studenten die anspruchsvollen Energiethemen zu erklären und auch internationale Kooperationen zu managen. „Es ist gerade die Kombination“, so Beerten, „zwischen out of the box denken und den konkreten Bedarf der Industrie im Blick zu haben. Das macht es zu einer besonderen Herausforderung.“

Ob er sich auch ein Leben außerhalb des akademischen Betriebs vorstellen kann, beantwortet er gelassen: „Die Position ist ja noch neu und ich finde sie sehr anspruchsvoll und gleichzeitig befriedigend. Da komme ich gar nicht auf den Gedanken zu wechseln, aber für immer ausschließen möchte ich es auch nicht.“ Hier habe er das perfekte Umfeld, um zu forschen und mit Kollegen an einem Strang zu ziehen, um das Thema voran zu bringen.

Eine wichtige Rolle spielt dabei Professor Ronnie Belmans, dem Beerten nicht nur wissenschaftlich, sondern auch persönlich sehr verbunden ist. „Jef hat nicht nur die intellektuellen Qualitäten eines herausragenden Wissenschaftlers“, so der Mentor, „er ist auch als Privatperson eine interessante und aufgeschlossene Persönlichkeit.“ Beide verbindet die Liebe zur Musik, vor allem der Rockmusik. Da gab´s schon zufällige Treffen auf live-Konzerten von AC/DC, Bruce Springsteen oder Roger Waters von Pink Floyd. „Und zur Entspannung“ verrät Jef Beerten“, haben wir im Kollegen-Kreis irgendwann angefangen, Bier zu brauen. Und Anlässe gibt es immer, um den Aufwand zu rechtfertigen.“ Ob ein Kollege nach Australien auswandert – der Brauer fehle nun schmerzlich, merkt er an – oder als sein erstes Kind vor neun Monaten zur Welt kam: Es wurde für jeden Anlass ein eigenes Bier gebraut.

Beerten ist Familienmensch und so ist es für ihn selbstverständlich, dass er gerne zwischen den Standorten Leuven und Genk pendelt, damit der Lebensmittelpunkt nahe der KU Leuven erhalten bleibt. „Kinder haben einen großen Einfluss auf dein Leben. So auch bei mir. Seitdem ich eine eigene Familie habe, spielen die Hobbies nur noch eine Nebenrolle.“ Das gilt auch für das Sprachtalent Beerten. Neun Sprachen spricht er fließend. Das habe sich so ergeben. In jedem Land, wo er sich als Student oder Wissenschaftler länger aufhielt, habe er die Landessprache lernen wollen, um wirklich teilhaben zu können. „Wenn ich wieder mehr Zeit habe, würde ich gerne Russisch lernen, bis ich Dostojewski im Original lesen kann. Und Mandarin wäre sicher auch für meine berufliche Karriere nützlich. Denn die Chinesen sind in der HGÜ-Forschung inzwischen Weltklasse.“

Auf die Frage, wie wichtig der Preis für ihn war und ist, sprudelt es aus ihm heraus: „Der Preis hat meine wissenschaftliche Arbeit über drei Jahre inspiriert. Die Ergebnisse fließen in die Anwendung ein.“ So leiste er auf diese Weise einen wichtigen Beitrag zum verantwortungsvollen Umgang mit Energie, denn es geht bei Stromnetzen immer um die möglichst verlustarme Übertragung des Stroms – und das ist ein enormer Vorteil von HGÜ, vor allem bei großen Entfernungen.

Der Preis sei Ansporn und ein Signal an die Nachwuchswissenschafter, die Postdocs, dass es sich lohnt, für ein Thema zu brennen und fokussiert zu bleiben. „Träume“, so sein Aufruf an die nächsten Bewerber für den ABB-Forschungspreis“, aber bleibe realistisch in dem, was Du vorhast. Und bleib fokussiert, um Dein Thema nach vorne zu bringen.“

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